Der Umdenker oder Kult und die Freie Schule

Sie kennen mich.
Ich bin ein Lehrer.
In der Berliner Brennpunktschule B5 unterrichte ich  eine zwölfte Klasse und übe ich mich in der Kunst, meine Schüler zu verstehen – auch wenn gestern Max Mittag im Geschichtsunterricht rief: „Sie müsste man erschießen“, und ich hätte diese anstrengende Übung schon längst aufgegeben, wenn ich mir nicht jeden Tag neu den Satz meines Freundes Kult wiederholte: Erst durch das Nachdenken über meine Schüler und ihre Schule werde ich zum Lehrer, und wenn ich nicht täglich an sie dächte, ich hätte sie schon längst verloren.

I

Ich sitze in meinem Sessel, schließe die Augen und blicke auf unsere Schulgebäude. Vom Flugzeug aus betrachtet, erscheinen sie als ein nichtiger Punkt, und nichts weist darauf hin, dass die B5 eine Freie Schule ist. Anschließend wechsle ich den Standort, um sie von der nahen Fernsehantenne der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur zu betrachten. Und jetzt ist der Schulturm sichtbar, in dem, von dem Bankier Alfons Muschporeit bezahlt und eingeweiht, der Verhüllungs- und Aktionskünstler Karol Kult unterrichtet und mit Gegenständen arbeitet, die wir wegwerfen, weil Müll angeblich mehr Beweiskraft hat als ein Kruzifix. Denn Kult behauptet, die Kreuzigung finde heute auf Müllhalden und in der Freien Schule B5 statt – für mich und jeden Kunstkenner eine glückliche Provokation. Für die Unwissenden ein Skandal. Doch da sonst kein Künstler in der B5 unterrichten will, schweigen die Kollegen. Und erst als Kult ein Labor für kreativen Protest gründet, das für alle da ist – auch für Fremde aus dem Kiez, denn jeder Mensch ist ein Künstler, will die Schulleitung um den Direktor Sülzig sein Atelier schließen. Kult und Sülzig streiten über die Aufgaben der Erziehung. Und deshalb stimmt heiter, dass von meinem luftigen Standpunkt aus der Schulturm mit seiner aufgesetzten Kugelkuppe einem Ausrufezeichen gleicht.  –

Da die Probleme mit Karol Kult auch aus Schülersicht zu umdenken sind, greife ich nach dem Stundenplan meines Sohnes, in dem er nur die die beiden Worte „Arbeitsgemeinschaft Kult“ ordentlich gechrieben hat: Schon im ersten Buchstaben A erkenne ich die Absicht des Schreibers, dieses Fach zu lieben. Denn er hat den rechten Fuß des Buchstabens auf die Ferse gestellt – wie steil ist der Aufstrich zum Kopf: wie sicher der Abstrich zum kraftvoll auf den Boden gestemmten linken Fuß. Wie fest eingezogen der Querstrich – als sei er das Zeichen für die verschränkten Arme meines Sohnes: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders, ich liebe Kult.“

Als End- und Höhepunkt meines Umdenkens blicke ich auf meinen Sohn. Ich sehe sein blondes, eingefettetes Haar, das er mit Föhn und flacher Hand zu strähnigen Stacheln formte; ich sehe seine braunen, tiefgegründeten Augen, sein schmales, blassknochiges, vollmundiges Gesicht mit der markanten Nase, ich sehe die schwarzverkabelten Ohrstöpsel, die in sein Gehör Technotakte hämmern oder in seine Fäuste Pop nageln. Eben noch stand er mit weichen Knien vor dem geöffneten Fenster der Klasse zwölf, die Hüften im Rhythmus der Ohrstöpsel eingeknickt, schlug die Fäuste in die Luft, als träfen sie ein blutiges Gesicht.

Gestern kam er aus der Schule, eine Sonnenbrille ins Haar gesteckt, obwohl es regnete, im Mund eine Schokoladenzigarre; er schluderte die Schultasche durch die geöffnete Zimmertür auf den Teppich und warf die Stereoanlage an. Die Bässe dröhnten und schlugen einen rasenden Puls. Die knochigen Schultern zuckten, als weinten sie mit ihm jenes stumme Weinen, bei dem ich ihn gelegentlich überrasche, wenn ich unvermutet in sein Zimmer trete. „Ist es die Schule“, fragte ich. „Nein“, antwortete er und schwieg. Und ich sah auf seine schlanken, knochigen, weißgedrückten, zitternden Hände.

Und seit heute Nacht liegt Krischan nach einer Schlägerei mit Max Mittag in der Charité. Da er nach einem Blutsturz nur mühsam atmen kann, sitze ich an seinem Bett. Vor mir im Nahblick: Seine marmorierte Hand in einem graukörneligen Gipsbett, im Seitenblick: neben ihm auf dem handlangen Stuhl seine weiße Jacke. Davor seine weißen Hosen, schmutzgesäumt und an den Hackenumschlägen asphaltgeraspelt: In den Schuhen, diesen Schwapptretern, durch Regenpfützen gelatscht: Seine Hose eine traurige Landkarte von Krischans Schlurfleben. Als der Morgen graut, regt er sich. Im Klappern der Atemmaschine, die seine Brust hebt und senkt, öffnet er die Augen und lächelt. – Ich bleibe bei ihm. Die Stunden neben ihm sind weiß und reißen keine Spur. Draußen singt der Wind sein schneeweißes Lied.

Der graue Park vor Krischans Klinikfenster steht am nächsten Tag voller Regen, die regengelochten Pfützen im Hauptweg zerstanzen einen grauen Himmel, und die Turnschuhe von drei Mädchen schlurfen Blasen in den Asphalt. Keine von ihnen wehrt sich gegen die Kälte, es scheint, als trügen sie den Sommer. Drei Mädchenleben unter einem Schirm. Bertel Menzel mit blau aufgeputzten Augenschatten, silberringbeschwerten Fingern, rotlackierten Fußnägeln und feuer-rot gestachelter Frisur, Hanne Finke mit grüngetönten Schillerlocken und schwarzem Mantel, und Karola Freytag mit großen, schwarzen Augen, knappem Herrenschnitt, hohem Gang in blauem Stehkragenpulli, schlicht. Ich gehe ihnen entgegen.

Ob Krischan zu sehen sei. Sie fragen, als sei er aufgebahrt. Ich könnte ihnen den Weg zu ihm verweigern. Aber alle hatten sie mit Krischan, sagen wir, ein näheres Verhältnis. Alle lachen inzwischen darüber, dass er sich von ihnen entfernte. Zu dritt tragen sie leichter daran, und da Krischan nichts dagegen hätte, lasse ich sie vor.
Und sie scheinen sehr besorgt. Krischan im Blutsturz, das hatten sie nicht erwartet. Krischan, jetzt bleibt nur die Rolle rückwärts ins Leben. Lache, Krischan, wie heftig hast du gelacht. Küsse, Krischan, egal wen. Handstand, Kopfstand, Kniestand, Ausstand, Abstand, Einstand standen dir gut. Der gebrochene Arm, die zertrümmerte Hand liegen uns nah. Bei uns im Arm bist du stark. Deine blinzelnden Lachfalten, deine Schüchternheit, der bittere Geschmack deines Haares und das Zersplittern der Klarinettentöne ins schrille Finale vor drei Wochen im Exit werden wir nie vergessen. Jetzt bist du fast tot und siehst uns nicht. So vermutlich ihre gemeinsame Klage.

Als sie vor sein Bett treten, jede einzeln, aufrecht, hell, still, fern, blass und im Sehen nah, wendet sich Krischan, öffnet die Augen, blinzelt Lachfalten, runzelt zur Begrüßung seine Stirn zu ihnen hinüber, winkt mit den Augen zu seinen zerschlagenen Gliedern hinunter. Spricht schweigend und lächelnd verlegen sparsame Worte der Stille.
Hanne fasst sich zuerst. „Morgen verpackt Kult den Schulturm“, sagt sie. „Genial, du bist wach“, sagt Bertel. Karola schweigt. Krischan lacht blinzelnd, blinzelt lachend, ermüdet im Blick. Bald gehen die Drei. Hanne weint – ich sehe es genau. – Niemand soll es wissen. Bertel Menzel vergisst auf seiner Bettdecke eine Haarkordel. Karola wendet sich nicht zurück. Sie ist blass. Sehr blass. Sie will schnell gehen, als der Oberarzt kommt. Ob sie hört, was er sagt? „Krischan wird es schaffen. Er ist hart und kämpft.“ Meint er. Ich glaube ihm. Aber in der Nacht speit mein Sohn Blut. Zwei Ärzte bringen ihn mühsam ins Leben zurück. Die Atemmaschine ist seine Rettung. Er kämpft nicht, aber er bleibt. Ich weiß es. Er ist mit Beharrlichkeit begabt. Beim Drachenfliegen, morgens mit dem Gleitschirm unterwegs sein -trotz Absturz weiter üben – , die Angst überwinden und mutig sein. So ist Krischan.-

II

Am Nachmittag treffe ich Krischans gegenwärtige Freundin Sabrina im Geschichtsunterricht. Seit einer Woche schläft sie im Brückenturm an der Spree; eine neunzehnjährige, einsame, wildköpfige Person, die kürzlich von ihrem Stiefvater, dem reichen Hotelier Franz Limette wegen ihrer nächtlichen Streifzüge durch Parks und Punky – Parties aus dem Haus geworfen wurde. Wenn sie austickt, schmeißt sie auch mal Gläser und Stühle durch die Gegend. Und ihr Haar ist rot, grün, gelb, blau – je nach dem, auch wenn sie mit ihrem Style in der Schule aneckt und einen Slip über ihren Leggings träg. In einigen Jahren will sie eine Schule für Straßenkinder gründen- das ist ihr Beitrag für ein bisschen mehr Love, Peace und Empathy. „I‘m your hell, I‘m your dream, I‘m nothing in between, you know you wouldn‘t want it any other way.  So take me   as I am.” Warum sollte sie heute im Unterricht fehlen?  In der Diskussion, die zwischen der Antifa und dem braunen Block des National befreites Berlins stattfinden soll, wird sie für den Sozialismus kämpfen. Das steht fest. Und so sitzt sie mit Karola Freitag und André links neben dem Lehrertisch. Rechts davon der Braune Block, und vor ihnen räkeln sich zwanzig Schüler der Klasse 12. Ich fordere die verfeindeten Cliquen auf, über ihre politischen Ziele zu reden, und die Antifa soll beginnen.

André  steht auf, zückt den Kugelschreiber, schreibt sich einige Stichworte auf einen Zettel und redet! Kein Blech, keine Schatten, keinen Hass. Doch wie das rote Berlin, das ich kenne. Und seine Worte hart, stolz  – Flatternde Fahnen im warmen Wind seiner Utopie: SOLIDARITÄT! GLEICHHEIT! FREIHEIT! ANARCHIE! Deshalb nötig der Kampf gegen den Überwachungsstaat, Faschismus, Kapitalismus, gegen Globalisierung, soziale Kälte und Ausbeutung der produktiven Kräfte durch den Monopolkapitalismus. Und das ist ein Kampf für das Volk – so André -, und dabei ersticht er mit seinem Kugelschreiber die Großkonzerne, Banker, Aktionäre, den Staatsterror der  Polizei und die Aktion NBB, also den proletarischen Arm des Faschismus. Denn FREIHEIT WIRD NICHT ERBETTELT SONDERN ERKÄMPFT.

Die Klasse ist  – vermutlich – beeindruckt, auch wenn die Worte nur die Faust ballen und niemand weiß, wann der Kampf der Antifa gewonnen wird, Auch Carola Freitag schweigt. Muss sie nicht täglich kämpfen, Freiheit, Gleichheit und Solidarität in der sogenannten Feien Schule B5 fordern. Denn wenn Herr Sülzig den Verhüllungskünstler Kult davon jagen sollte, weil er seine Kunst hasst. Wenn die sogenannte Freie Schule nicht mehr frei und solidarisch, sondern eine gnadenlose, phantasielose Lernmaschine ist, dann macht sie das krank und wütend. Warum also sollte Kult nicht den Schulturm verpacken? Das wäre eine Warnung. Und Sülzig fürchtet eine Revolte.

So ist Carola Freitag – auch wenn sie schweigt, und als ich Max Mittag als nächsten Redner aufrufe, erwartet sie mit lächelndem Abscheu die Worte des Faschisten.

Auch Max erhebt sich, wendet sich zunächst an seine Genossen, reibt sich den kahlen Schädel trocken und sein Bekenntnis kennt jeder: SCHWARZ IST DIE NACHT IN DER WIR EUCH KRIEGEN WEISS SIND DIE MÄNNER DIE FÜR  DEUTSCHLAND SIEGEN ROT IST DAS BLUT AUF DEM ASPHALT. Glaubt nicht der Roten Internationale! Beteiligt euch nicht am Ausverkauf eurer deutschen Interessen! Macht euer Hirn zur national befreiten Zone! Denkt und fühlt sozial, ökologisch, deutsch! Kämpft für das das Vaterland, keine fremden Truppen in Deutschland. Kapital in Deutschland den Deutschen. Die Türkei den Türken. Polen den Polen, das ist: reinrassige Staaten. Minarette sind Raketen und können in den Himmel fliegen.

Die Klasse lacht. Sie hält diesen Schwachsinn für komisch, für den Dauerhüftknick im Notruf des Faschismus. Hat Max immer noch nicht begriffen, dass die Nazis sein System gegen die Wand gefahren haben? Er sollte sich setzen. Jetzt könnte es laut werden, wir hören vieles und verstehen kaum etwas.
Also schreit Max:
„Ick gloob, mein Schwein pfeift.
Sabrina – wat sachst du dazu?“
Also erhebt sich die schrille Hübsche mit dem roten Haarkamm:
„Ick habe ooch eene Meinung.“
Und redet etwa so:

„Ick bin weder Kommunist, noch Faschist, noch BRD-Demokrat. Ick bin icke und hochdeutsch. Dit is die Wahrheit. Und weil ick in keener Partei icke sein kann, bin ick parteilos. Oda – sagen wa mal – ick bin eene ICH-AG. Und dit is mein Programm: Ick will mir frei entwickeln können. Solidarisch will ick sein und wie ick dir so du mir. Vor dem Jesetz will ick jleich behandelt wern wie jeda andre ooch und nich weniger jleich als de Politiker. Und so soll et ooch im Staat sin. Aber dit is nich so. Nehm wa die Schule. Ist sie

frei? Solidarisch? Jerecht?  Kreativ?“ Die Klasse lacht.

„Die sojenannte Freie Schule B5 hat sich ihr Schulsystem vom Staat jeborcht: Die Starken wern belohnt, die Schwachen diskriminiert. Sitzenbleim, Notendruck. Auslese, die Turboschule, dit Fastfoodgymnasium, die Ellenbogengesellschaft bei Lehrern, Eltern und Schülern: det is der Staat in uns. Daraus folcht zweitens: Die sojenannte Freie Schule B5 ist nicht solidarisch. De Starken müssen imma besser wern. Den Schwachen wird nicht jeholfen, sie werden immer schlechter. Drittens. Die sojenannte Freie Schule testet uns, euch, mir, dir, sich selbst. Wia testen. Alle testen. Und dit jeht so: Du machst die Aufgaben so schwer, dass nur die bejabtesten Schüler die beste Note erreichen. Aber et jibt keene beste Note für de Unbegabten. Und dit is unjerecht. Denn wenn een Lahmer eenen Meter weit springt, hat er jenauso viel jeleistet wie een Gesunder, der de fünf Meter schafft.

Und viertens: Unsere sojenannte Freie Schule is jrau wie die Zeitung, die unser Lehrkörper liest, während wir eenen Test schreiben. Und es gibt so jut wie keene Farbe an den Wänden, keene Kunst, keenen Sport mehr im Turm. Nicht eemal dit Lachen ist bei uns reinbunt, sondern jrau.

Weil aba jeder Mensch een Künstler, dit heeßt: kreativ is, und de Schule für den Menschen und nicht dea Mensch für die Schule da ist, muss man sie vaändern.

Ick hätte gerne eene Schule, wo de fröhlich lernst. Ick hätte gern ohne Angst jelernt. Ick hätte gern eene Schule, wo de Bejabten und Unbejabten zusammen lernen und erwachsen wern könn. Ick hätte gerne de Noten und det Sitzenbleiben abjeschafft und wollte am liebsten Zeugnisse habm, wo ick so beschrieben werde, wie ick jerade bin und was ick sein könnte, wenn… Ick hätte jerne in Klasse zwölf eene Mathematik für serielle Kunst. Ick hätte gerne Fächer wie Erkenntnislehre, sozialet Verhalten und Solidarität. Ick hätte jern Kritik der Kritik, Wörtlichkeitslehre und Sinneslehre. Ick hätte jern een Fach, det Höflichkeitslehre und eens, det Spieleerfinden heeßt. Und jeda Unterricht sollte ooch een bisgen Musicke, Theater, Tanz, Malerei, Handwerk und Bildhauerei sin. In meener Schule hätten wa viel zu tun und dafür viel Zeit. Sie wäre keene Schule für die Schule, keine für den Staat und det Kapital. Sie wäre eene Schule für den Menschen.

Am liebsten hätte ick sie gleich, sach ick. Weil dies aba nicht sein kann, werde ick sie ebent vermutlich eines Tages selba jründen. Und weil ick dit nicht alleene schaffe, werde ick mir die suchen, die von der sojenannten Freien Schule enttäuscht oder ebent valetzt wurden. Ooch Fremde, ob Baiern oder Schwaben, Franzosen, Türken oder Inder: Alle werdn se willkommen sin. Ick werde ebent werben, sach ick, und latsch ick dafür uff de Straße. Vielleicht wird dann mein Traum eener kreativen Schule wahr. Jewalt werde ick nicht anwenden, denn dann wäre die Schule – wie der Staat und dit Kapital – uff Jewalt in jeglicher Form begründet. Und ick würde mir sagen: mach et wie deine Erzeuger in der DDR, swie die deutsche Revolution, sach ick: Mach et ohne Gewalt.

In Kreuzberg jibt es die Steiner-Schule. Warum bist du nicht dahin abjefahren, meent iha vamutlich. Ick aber sage: Ick wäre schon da, sag ick, aba die Steinerschule is voll. Die hat ooch keenen Karol Kult. Und zu alt bin ick ooch. Also bleib ick bei Werdich. De Klasse zwölf noch hier abjesessen, ebent dit Abi dran jehängt, een bisgen Rabatz jemacht. Denn hab ick det jeschafft. Een, zwee Kinderchen uff‘m Schoss, denn jründe ick meinen Traum. Vasteste, Max?“

Max lacht:

„Höflichkeitslehre. Und dit von Sabrina!“ Sabrina nickt. „Höflichkeitslehre. Jeden Tag siehste vor da Penne den alten Mohammed uff der Straße hocken. Hat vom Loofen schon janz krumme Beene und  nur een Stiftzahn im Maul, aber pfeift Lapa Lohma. Und ebent kiekt er zu dia herüber. Icke, ditte, kiecke mal. Kiekt und kiekt jedem Auto nach, det vorbei flitzt. Und da is keene Ziege, keen Bergbach, keene Almhütte von Anatolien, und ooch  keene Minarette und kiekt trotzdem, und wenn du, Max, als NBB vorbei latschst und sagst, „Willst nu Berliner werden oda nich? Wie? Bloß ma kieken?  De Minarette sind wie Raketen, de fliegen so schön in die Luft“, denn lacht er, als hättst de ihm eenen Witz erzählt. Dafür jibts du ihm eens in die Schnauze, und keen Bulle schleppt dir dafür in Knast. Mohammed aber spuckt den Stiftzahn uff sin Döner, kommt eene Woche nich zu uns vor die B5. Nur det Zeitungspapier, uff dem er sitzt, liegt noch uff‘m Tottoir. Und det weeß, wie wichtig de Höflichkeitslehre is.“

Das NBB erhebt sich und geht ohne zu fragen. Auch alle andern verlassen den Raum.  Nur Sabrina bleibt vor mir stehen: sie streicht sich die rote Haarsträhne aus der Stirn, die Nadeln in ihrem rechten Ohrläppchen der rechte Nasenflügel mit eingestecktem Glasglimmer blinken im Lampenweiß des Pausengangs; Hammer und Sichel und Totenköpfe verstecken sich in den Falten der Ärmelmanschetten. Sie spricht mich an:

„Det, wat die Schule braucht, ist Kunst von Kult. Det beflügelt. Det hebt sich. Ooch Sie. Det Fach Deutsch als Kunst. Det würde mia jefallen. Nich det Gelaber über Dichtung. Keen Kunsthonig nich. Keene Intaprätation. Aba de Walpurgisnacht als Elesdetrip am Brocken. Uff‘m Ufa –Jelände de ‚Räuber‘ als Bader-Meinhoff-Film. De letzte Fahrt der Gustlow uffm Heringsdampfer inne Ostsee. Und „Dantons Tod“ in Paris als Happy Day unter der Guillotine. Det wäre die Zukunft.“ Ich verstehe. „Schule als sinnliche Erfahrung“, sage ich, „wo möglich muss die Schule das Ruder herum reißen“.

Sabrina lacht. „Wo möglich. Det kennen wa. Un morjen schreiben wa een Aufsatz. Nee. Ick weeß nich. Ick jloobe, der Lehrer der Zukunft müsste een Revolutionär sein und als Rote Zora daherkommen. Sie als Rote Zora. Ick lach mir tot.“ Sie nestelt an ihrer Jacke, entspannt eine Sicherheitsnadel, löst Hammer und Sichel und steckt sie mir an das rotgrün gewürfelte Hemd.

„Sehn se, Herr Werdich. Jetzt noch det Hemd jewechselt. Nehmse schwarz, det hebt sich. Un schon sehn se aus wie die Zukunft. Dann noch de Rübe abjehackt, den Deez von Kult druff jesetzt, de Brust jeöffnet, det Herz rausjeschnitten und det von Beuys einjenäht – fertig is dea neue Lenin..“

Ich danke. „Ich will tun, was ich kann“, sage ich. „Aber es gibt ein Problem: Lenin ist tot. Beuys ist tot. Und auch ich fühle mich auch schon krank.“ Sabrina lacht. „Halten se durch. Herr Werdich. Wir brauchen se morgen am Turm. Wa wollen die Schule verpacken. Kommse mit. Kult kommt ooch.“ –

III

Am nächsten Tag zitiert der Direktor Sülzig den Künstler Kult ins Schulleiterzimmer. Er hält seine Arbeit für höheren Unfug. Für dümmlichen Schamanismus eines politischen Rattenfängers. Und deshalb wird Kurt fristlos entlassen.
Als dies unter Schülern ruchbar wird, will man den Schulturm verpacken. – Doch  Kult will ein Dreiminutenspiel –. Einen lässlichen Spaß, einen Aufruf zur Güte. Und weil er die Klasse zwölf davon  überzeugen kann, führt er mit ihr an einem Freitagvormittag in der großen Pause  auf dem Schulhof eine Farce auf und nennt sie „Honig im Kopf“ .

#Schon vor dem Pausengong sitzt Kult auf einer Leiter. Vor ihm stehen sechs Zwölftklässler, auf ihrer Brust lese ich Schilder „ „Die Gewalt“, „Der Friede“, „Der Held“, „Der Sieg“, „Der  Clown“, „Der kleine Prinz“, „Ein Stern“. Und als sich genügend Pausengänger um die Szene versammelt haben, ruft Kult von der Leiter: „Wo sind die Spieler?“ Da niemand antwortet, klettert er auf den Hof, irrt, ein Hut auf dem Kopf, in eine Fischerweste und Leinenhosen gekleidet, umher, ohne die sechs Figuren zu entdecken. Schließlich setzt er den Hut ab, hebt den Topf und gießt Honig über seinen kahlen Schädel. Da fließt das Bienengold über sein graues Gesicht. Da fingert Kult Süße auf Mund, Nase und Lider und öffnet, wenn auch mühsam, die Lippen. Sein Kopf glänzt, einem glasieren Totenschädel ähnlich, im Morgenlicht. Und bei so viel Süße hat sein Rufen Erfolg: aus einem Lautsprecher ertönt ein Glockenspiel, von dem unerwarteten Erfolg bewegt, erkennt er auch die Figuren, doch da sie noch immer reglos sind, bestreicht er sie mit Honig, und schon beginnen sie zu tanzen. Der Clown wirft sein Seil auf die Erde und tanzt seine Scherze hinüber. Die Gewalt tanzt den Frieden zu Boden, der Held rettet das Opfer, und der Sieg lächelt stolz und rein. Der kleine Prinz schreitet  über seinen Planeten, und die Strahlkraft des Sterns breitet die Arme aus und spreizt die Finger. Dabei bewegen sich die Figuren wie Puppen auf einer Spieluhr im Kreis, und wenn sie ermatten,  strecken sie Kult die Hand entgegen, damit er sie mit Honig bestreicht, dann tanzen sie wieder, und erst, als der Topf leer ist, ruft Kult: „Wer gib mir Honig?“ Doch da niemand hilft,  erstarren die Figuren, sind trostlos still. Die Musik verstummt: Und Kult steigt auf seine Leiter zurück.

Die Zuschauer schweigen, und erst als der Beifall aufbricht, treten die Spieler vor uns hin. „Spiel ist Honig. Esst!“, ruft der erste. „Spiel ist Freiheit! Tanzt!“ ruft der zweite „Spiel ist Kult! Seid Kult!“ ruft Sabrina. „Herr Muschporeit, wir wollen Kunst im Turm!“, rufen alle und gehen. Und die Direktion hat es gehört und gesehen.-

In dieser Nacht denke auch ich an Karol Kult! Welch ein unzerbrechliches Schilfrohr im Wind, diese Hopfenstange für Hilfsbedürftige und Schulversager. Ich denke Kult! Diesen Trotzdemradfahrer im Steglitzer Abendverkehr, in Schneestürmen und Blitzeis. Diesen Weltreisenden durch die Höhen und Tiefen der neuen Kunst. Ich denke meinen Freund Kult! Diesen Abendbrot- und Frühstücksvater, der für seine drei Kinder die Tiermärchen selbst erfindet und an manchen Wochenenden mit seinem Sohn Micha kranke Greifvögel in der Tierklinik der Freien Universität pflegt. Mein Freund Kult! Wer ihn lachen sieht, hört auf zu weinen. Und aus den Lachfalten, die sich in den Augenwinkeln verwurzeln, springt ein blitzblanker Witz heraus. Und wer ihn über Schülerinnen und Schüler reden hört, staunt über seinen Ernst und seine gründlichen Kenntnisse. Er weiß, so hörte ich, sogar alle Namen, Geburtstage und Telefonnummern seiner Spieler auswendig. Das gründliche Anschauen eines Menschen sei er, so sagte er kürzlich, dem Leben und der Kunst schuldig. Und dieser Satz ist Kult höchstpersönlich – seine stolzeste und liebevollste Idee. Denken auch Sie Kult! Denken Sie den Verlust von Kult für die Freie Schule B5! –
Wenige Tage später wird Kult gekündigt, und nach einem Monat  trifft man sich in der Nacht am Schulturm,  der Nebel ist dick und schwarz. Kaum sieht man Sabrinas Igelkopf oder ihre Sicherheitsnadel mit dem Silberdrahtwort „entzwei“ im Ohr, es blitzen nicht ihre Sticker auf den Jackenärmeln, das rote Feuermal auf ihrer Stirn brennt schwarz, niemand sieht, dass sich vor dem Schulturm ein Kran aufrichtet. Und da der Nebel der nahen Spree schwarz herüber schwappt, kann die Klasse zwölf den Schulturm unbemerkt in einen Plastiksack stecken, und das geschieht dergestalt dass:

Kult  hatte am Hartfeld viel schwarze Folie zu einem stabilen Turmsack verschweißt. Auf den Betonplatten des stillgelegten Flugplatzes ausgebreitet, lag er tagelang bloß, bis Schüler der Klasse 12 mit ihren Schuhen von unten nach oben weiße Spuren darauf druckten –. Danach befestigte Kult Stahlschlaufen an den Sackring und rollte die Folie in den hohlfenstrigen Hangar. Als der Nebel auch auf dem Hartfeld schwarz herauf kommt, transportiert er die schwarze Rolle auf einem achträdrigen Kran vor den Turm, fährt die Stützen aus, hängt ihre Stahlseilschlaufen an den Ausleger und hebt das weißgefleckte Paket auf die Turmkuppel. Währenddessen drücken im dem Hof Sabrina und Carola die Turmtür ein, sie hasten im Treppenhaus auf den dunklen Dachbalkon, ziehen den Turmsack wie eine Mütze über die Kuppel, werfen die Folie von dort auf den Hof hinunter und hetzen hinterher. Mit mächtigen Vorschlaghämmern schlagen sie Eisenstäbe in den Asphalt. Daran spannen sie die Randseile des Sacks und knebeln den Turm in einen Mantel, auf dem weiße Schritte in den Himmel steigen. Carola Freitag prüft die straffen Seile, ist’s zufrieden, Sabrina, Bertel Menzel und Hanne Finke schneiden vor dem Haupteingang ein Loch in die Folie, und schon rollt Kult ein Heugebläse davor und bläst laut und schneidend scharf weiße Kugeln aus Styropor ins Treppenhaus, bis es daran erstickt. Auf jeder Kugel liest man: „Kunst, Kunst, Kunst.“ Und das vielzungige Wort schwatzt sich durch die schwarze Nacht des Gebäudes. Da lachen die Schüler des Karol Kult. Gegen Mitternacht lenkt der Spaßmacher einen Mercedes-Sprinter auf den Hof. Es springt die Ladeklappe auf, und seine Helfer schleppen mannsgroße Puppen auf die Wagenrampe, in denen man die Gesichtszüge meiner Kollegen erkennen kann. Kult senkt sie auf den feuchten Asphalt, und bald schleifen zwanzig Hände die Ladung vor das Schulgebäude. Da stehen die Statuen im Nebel: und jedermann könnte, wenn die Nacht nicht schwarz wäre, erkennen, welche Lehrkräfte aufgestellt wurden. Und möchten sie sich auch im einzelnen unterscheiden, jeder von ihnen hat ein Brett mit seinem Namen vor dem kahlen Kopf, und über ihnen schwebt auf einem Ballon das Wort Kunst, als sollte es die Lehrkraft emporziehen. Da lacht auch Kult. Sieht auf die Uhr, fährt alle Maschinen in die Werkhalle von Stuck und Form, das Labor für kreativen Protest gleitet in die Nacht, und wäre ich nicht dabei gewesen, ich hätte diese Nacht nicht im Exit mit Kult gezecht. –

Am Morgen schreckt mich das Telefon aus dem Bett auf. Im Hörer, den ich, noch traumgeschüttelt, ergreife, schlägt mir – wie ungewöhnlich – Lärm, das ist: Sülzigs Stimme – entgegen. –Ob ich schon wüsste – der Schulturm: verhüllt, sein Haupteingang: erbrochen. Die Lehrerschaft stünde im Zorn. Ich zeige mich erstaunt, erfahre Bekanntes, das zu erwarten war: Lachhaftes, das sich im Telefonhörer zu Wortblech verfaltet, und Sülzigs Bericht: Als er, wie gewohnt, gleich gegen sechs der Schule ansichtig wurde, erschrak er und wäre, wenn möglich, zu Eis erstarrt. Sein erster Gedanke: Du träumst, sein zweiter: schließe dein Auge, damit du der schrecklichen Wahrheit nicht gewahr werdest, sein dritter: Das war Krischan Werdichs Werk – wes sonst? Sein vierter: Du Tor, der ist krank, und überhaupt – das ist Karol Kults Geschoss. Bald fand er sich an der Turmtür – und als er sich durch den gewaltsam geöffneten Haupteingang Zutritt verschafft hatte, wälzten sich ihm lawinenartig blässliche Kugeln entgegen, drückten ihn im zischelnden Gemergel wärmlicher Styroporstückchen mit der Aufschrift „Kunst“ von den Beinen, so dass er bald strauchelnd, bald rudernd, die Bällchenmasse zerteilte oder unterging – Da ihn jedoch niemand aus der wabernden Kugelmasse zog, hatte er in die Freiheit zu rudern und stolperte schließlich auf den Hof. Er war erschüttert. Das ihm! Und Uns! Und überhaupt! Unserer Schule dieser Anschlag! Cui bonum? Wie? Wann? Und warum? Er griff zum Handy. Alarmierte die Polizei. Aber die Behörde ließ sich Zeit. Als sie sich ein erstes Bild vom Anrufer gemacht zu haben vorgab und gemutmaßt hatte, es handle sich um einen Abiturstreich, und erschien sie mit wohldosierter Verspätung am Tatort. Man beriet, schoss manches Foto, umwand die Lehrerfiguren mit rotweißem Plastikband, als sei eine Unfallstelle zu sichern. Sie notierte den Namen Kult als Hauptverdächtigen und forderte den Kollegen Sülzig auf, die Oberstufe ins Schulhaus zu verbringen. Was geschah. So Sülzig.- Ich weiß genug, spreche von Mitgefühl und mache mich auf den Weg zur Schule. – Als ich den eingesackten Turm erreiche, steht die Schülerschaft in Fröhlichkeit. Ich dränge durch ihren Lärm und sehe die glänzende Schwärze der Folie heiter im Winde flattern, sehe weiße Trittspuren in den Himmel, möchte wie sie mit dem Rücken zur Erde die Wände waagerecht hinauf – im Wiegeschritt in die Zukunft marschieren: Ich bin überwältigt. Auch Tote gehen so in die Zukunft. Welch ein fröhliches Zeichen einer neuen Zeit! Kult sollte von der Klasse 12 die Szene zeichnen lassen. Ihr Thema: „Der Marsch in die Zukunft“ oder: „Dies ist ein kleiner Schritt in den Himmel und ein großer in die Kunst.“ Doch Kult darf das Schulgelände nicht mehr betreten.
Derweil entsorgen Männer vom städtischen Räumdienst im Schulturm die Bällchenmasse. Aus dem Speirohr eines  Heugebläses springen die Kugeln wie Streubömbchen auf einen Lastwagen, und da die Saugmaschine sich kreischend durch den Abfall fräst, weichen die Kinder vor dem Lärm zurück, andere suchen von einer Seitentür in den leer geschaufelten Turm einzudringen, und es dauert nicht einmal eine Pause, bis die ersten auf das Dach hinauf geklettert sind. Hier und da sieht man Hände durch den Foliensack greifen, Gesichter lachen durch ausgerissene Fensterfetzen, Hände winken in den Himmel, während noch genügend weiße Schritte aufwärts marschieren und die schwarze Folie der Roten Zora den Turm ummantelt und im Spreewind flattert. Wie froh ist Sülzig, als der Schulgong zum Unterricht läutet und den Turm von der Schülerschaft befreit. –
Gegen Mittag fährt Aldi Unfrey, unser Hausmeister, mit einer Arbeitsbühne der Gemeinde an das eingesackte Gebäude heran und liftet Sülzig zum Dachrand hinauf. Wie entschlossen blickt er in den Himmel; wie spöttisch lächelt er zu uns hinunter, die wir ihm auf den Asphalt wie knopfgroße Zwerge aufgeklebt erscheinen müssen. Unvermittelt beugt er sich, als er den Dachrand erreicht hat, gegen die Folie vor, zieht einen Dolch, so scheint es, aus seinem Gewande und schlitzt die Turmhaut von oben nach unten auf. Sofort fetzt der Wind hinein, wölbt die Umkleidung wie ein Segel auf, als quöllen Eingeweide aus einem Bauch. Sie umschlingen seinen Hals, umklammern seine Arme; schon droht Sülzig – ein neuer Laokoon – in den Abgrund zu stürzen. Aber Unfrey senkt – gerade noch rechtzeitig die Standfläche des Direktors; die Folie reißt. Mit wütenden Hieben zerschlitzt der Kollege den schwarzen Mantel, als sei die Hydra zu enthäuten. Er fährt im Arbeitskorb in mächtigen Zickzacklinien an der Fassade des Turms auf und ab und stemmt den Dolch fest gegen die Folie. Da reißt der Vorhang von oben nach unten mitten hindurch. Da flattern die schwarzen Fahnen, da segeln verlorene Fetzen mit weißen Tupfen zur nahen Spree. Da wird geschnitten und gesäbelt, zerhackt und geschlachtet. Da fallen entseelte Ballons und weiße Schrittspuren auf den Hof. Da schneit es schwarze Flocken auf unsere Häupter und Lippen. Ich spüre ihre ölige Haut auf meiner Zunge und denke an die Beweiskraft entseelter Ballons. Unfrey aber zerschlägt nach dem Gemetzel die Statuen auf dem Hof. Er schaufelt ihre Reste zusammen und stopft sie in braune Säcke und kippt Kehricht und Küchenabfälle der letzten Woche darüber, und auf dem Müllplatz der Schule schleicht sich zwischen die zerstückelten Körperteilen aus Styropor die gelbliche, süße Traurigkeit der Verwesung.
In der kommenden Nacht jedoch schüttet Sabrina den Müll aus den Säcken auf den Asphalt, denn das hätte Kult auch getan. Und während der neblige Spreewind den freigesetzten Abfall über den Hof verbläst, zieht sie die Köpfe der Kollegen aus der klebrigen Müllmasse. Diese schafft sie zum Hangar auf dem Hartfeld, stellt die Skulpturen in ein Regal und gibt ihnen neue Namen. Sie heißen jetzt „Traum, Abend, Morgenröte“ und „Seewind“. – So feiert Sabrina ihre Trauer. Und zuletzt färbt sie ihr Gesicht weiß und zeichnet ein schwarzes Kreuz auf ihre Stirn. –

IV

Und Krischan Werdich? Nach einigen Monaten ist er wieder gesund, und als er hört, dass Kult gekündigt und wegen Hausfriedensbruch angezeigt wurde, kauft er sich, denn ich gab ihm viel Geld, eine geeignete Bildmaschine. Er fotografiert Fabriken in Alt-Stralau, die seit der Deutschen Revolution leer stehen, arbeitet tagelang am Rechner, und  richtet gestern Nacht seine Bildmaschine auf die blässliche Wand eines ausgebeinten Gebäudes, mit einem grauen Tor und blauen Fenstergittern. Dann wirft er, nachdem die Elektrik frei geschaltet ist, Texte auf die bröckelnde Hausfront. Und bald spiegeln sich Verse in Fensterscherben, an einen Balkon hängen Worte. Torrahmen  durchstanzen Zeilen, deren Sinn nur zu erraten ist. Und auf den Wänden der Ruine scheinen blasse, kreidebleiche Bruchstücke und Großbuchstaben einer schwer lesbaren Botschaft auf.  Wörter werden in blaue Gitter geknäuelt. Verse, die  über das Fabrikdach in den Nachthimmel wandern, wickeln sich wie Schnurdraht ab, bis das Wort „aus“ auf eine Fabrikwand fällt. Von dort stürzt es auf den nassen Asphalt, erblindet, wird geschärft und zerfließt in milden Nebel. Und hinter dieser Straßenkunst wird das Haus zu Schreibpapier. Verse, über das ruinierte Kombinat geworfen, verwandeln seine gewalttätige Ödnis in ein befremdliches Lied, und ich lese, denn ich bin dabei:

„Das Tor der Schatten ist ohne Schatten grau. Seine Treppen treppen ohne Treppen hinauf. Wer ins Bild steigt, kennt sich hier aus.“

Welch ein Rätseltext!Und ich verstehe ihn besser, als über das ausgebeinte Gebäude die Worte rollen:

„Leg nicht die grauen Gläser auf, du könntest zu grau sehen, grau wären die Hauskanten, grau das Grau. Leg nicht die grauen Gläser auf, der Blick durch graues Glas trügt. Trau deinen frischen Augen die Welt zu. Nur die Erde, die dein heller Blick zeigt, ist deine Erde. Spiegel sind Lügner. Graue Bilder verhaften dich. Leg sie nicht auf. Lebtest du immer in grauem Glas, wäre deine Welt nicht bunt genug und deine Gedanken wären grauer als du denkst. Wenn du in grauen Gläsern aufs Feld fährst, brennen die Sonnenblumen grau.“

Als manche Verse zu blass sind, zieht Krischan, ein Fingerstrich genügt, den Bildpfeil auf den Startrand seines Rechners, verwirft Wörter durch Fingerkuppenschläge. Wort und Bild, ein- und ausgeblendet, fallen auf und ab. Und bevor er seine Maschinen vom Netz nimmt, erscheint jener Text, den man ihm nicht zutraut.

„Am schwarzen Himmel der Trauer fahren die Kähne Gottes.Sie spannen im Traumwind Wortsegel auf und gleiten auf dem Meer der Nacht entlang sicher und ruhig zum Stern.“

Diese Verse lässt er auf der Hauswand stehen. Sie erstarren zur Wortflächen. Doch ihre Endlichkeit siehst du, wenn du sie liest. Wenn sie verblassen. -So feiert auch Krischan seine Trauer, macht aus Steinen Worte. Aus Worten Hoffnung. Seinen Protest durch Kunst.

Seither ist er in der Stadt unterwegs.Macht aus Steinen Worte.  Aus Widerstand Zukunft. Und irgendwann fährt er zum Trümmerhügel der Stadt, den man den Teufelsberg nennt, und fliegt mit seinem Drachen in den frühen Morgen. Wie oft war er von hier in den Himmel gesprungen! Wie oft hatten die blanken Helme seiner fliegenden Freunde im Strahlengewitter der frühen Sonne geblitzt! Das wird er nie vergessen! Der Wind, der weiße Streifen in den blauen See ritzt, trägt ihn empor, und er fürchtet nicht die grauen Nebel über der Tiefe.-

Anmerkung:

Anlässlich einer Matinee am 15.4.2018 in der Volkshochschule Freiburg stellte der Autor seinen Roman „Der Umdenker oder Kult und die Freie Schule“ vor und las daraus diesen Text vor. In den Lesepausen spielte die Pianistin Eva Meyer Kompositionen von Mussorksky, Debussy und Grieg.